André-Shepherd-Weg  -  der ungewöhnliche Weg

Was einem ehemaligen US-Soldat widerfährt, der sich dem Krieg verweigert und in Deutschland Asyl sucht

Am 15. Mai 2017 (dem Internationalen Tag der Kriegsdienstverweigerung) benannte das Wohnprojekt umBAU Turley² einen Weg auf seinem Gelände nach dem US-amerikanischen Deserteur André Shepherd.

Dieser Text berichtet über eine ungewöhnliche Veranstaltung im Besonderen und Ungewöhnliches im Allgemeinen. Schon der Ort des Geschehens ist alles andere als alltäglich: Die Fritz-Salm-Straße – benannt nach einem Mannheimer Kämpfer gegen die Nazi-Herrschaft - gibt es nämlich erst seit Kurzem. Sie verläuft auf einem Areal, dessen neu errichtete Gebäude für zivile Zukunftsvorstellungen und Lebensweisen stehen und wo bis vor wenigen Jahren schwere LKWs der US-Armee stationiert waren. Das Gelände war umzäunt und nicht frei zugänglich und bildete einen Teil der ehemaligen Turley-Kaserne. Diese wiederum war Teil einer riesigen Konzentration von Kasernen und militärischer Infrastruktur in Mannheim, in Heidelberg und weiteren Nachbargemeinden. Die US-Kasernen waren ein wichtiges logistisches Drehkreuz für die US-Armee, über die sie ihre Kriegseinsätze auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak steuerte. Kurz gesagt, die Turley-Kaserne war ein Instrument zur Durchsetzung der wie Shepherd es formulierte „verbrecherischen Handlungen der machtvollsten Nation“.

Die Aktivitäten der US-Armee waren keineswegs geheim (wie auch die der Bundeswehr), aber übertüncht von einer verharmlosenden Wahrnehmung der Kriegsaktivitäten der „amerikanischen Freunde.“ Viele verbanden mit „den Amerikanern“ in erster Linie Rock´n Roll, ungezwungenen Lebensstil, lukrative Jobs und Barbecue. Angesichts der vom hiesigen Establishment gerne gepflegten Verharmlosung des tatsächlichen Zwecks des US-Militärs hatte es der Widerstand gegen die Präsenz und das Wirken des Militärapparates eher schwer und war deshalb ungewöhnlich. Auch wenn nicht alle Aktivitäten der Antikriegsaktivisten in den lokalen Medien gebührend berücksichtigt wurden, so haben sie dennoch eine Menge Menschen in Bewegung gebracht. Das belegten Artikel aus dem Mannheimer Morgen von 2003 (s. rechte Spalte) und Dokumente des Friedensplenums, die für die Veranstaltung extra aus den Ordnern geholt und aufgehängt worden waren. Eine von DFG-VK-Mitgliedern erstellte Collage aus Texten und Fotos war ebenfalls aufgehängt worden. Sie wurde bei Ostermärschen und Infoständen gezeigt und rückte in den Blick, wie massiv die Kriegsunterstützung auch über Mannheimer gelaufen ist.

Gaby Weiland, die die Veranstaltung moderierte, erinnerte an den „Tag X“, den 20. März 2003, als US-Präsident Bush den Überfall auf den Irak begann. Viele Menschen zogen am selben Tag nach der Kundgebung auf dem Paradeplatz in einer Demonstration vor das Tor der Turley-Kaserne, um gegen den Irak-Krieg zu protestieren. Millionen Menschen in aller Welt waren damals auf die Straße gegangen, um den mit offensichtlichen Lügen vorbereiteten Krieg abzuwenden. Ein wesentliches Argument gegen die gewaltsame Beseitigung von Diktator Sadam Hussein war die Befürchtung, dass das die politische und humanitäre Lage für die Bevölkerung verschlimmern würde und den Terror begünstigen würde. Heute wissen wir, wie richtig diese Einschätzungen waren.

Viele US-amerikanische Soldaten ließen sich von der Kriegspropaganda blenden und zogen in einen politisch fahrlässigen und auch völkerrechtswidrigen Krieg, sodass Kriegsdienstverweigerung und Desertion ungewöhnlich waren. Als André Shepherd den Entschluss fasste, nicht wieder in den Krieg in den Irak zu gehen, tat er das weniger mit einer ethisch-moralischen Gewissensbegründung, sondern aus rechtlich-politischen Bedenken: Er weigerte sich, weil er nicht länger einen völkerrechtswidrigen Krieg unterstützen wollte.  Ungewöhnlich war auch sein weiterer Weg, indem er in Deutschland Asyl beantragte.

Auch die BewohnerInnen des Wohnprojekt umBAU Turley² haben sich für einen ungewöhnlichen Weg entschieden. Statt eine Wohnimmobilie zu kaufen und persönliches Wohnvermögen zu bilden und zu bewohnen, haben sie einen alternativen Weg gewählt. Sie haben ihr Haus gemeinsam geplant, finanziert und bauen lassen und bewohnen es gemeinschaftlich. Eigentümer des gemeinsamen Hauses ist zur einen Hälfte der Verein, den die Bewohner gegründet haben, und zur anderen Hälfte das so genannte Mietshäuser-Syndikat. Auf diese Weise wurden Wohnungen auf dem herkömlichen Weg geschaffen, aber auf ungewöhnliche Weise dem Wohnungsmarkt und der Gewinnlogik entzogen. Es ist bewundernswert, dass es die BewohnerInnen des Wohnprojekts nach vielen Jahren intensiven gemeinsamen Handelns geschafft haben, einen auch sinnlich unübersehbaren Gegenentwurf zu errichten. Er zeigt auch ökologisch eindrucksvoll, dass es Alternativen zum (kapitalistischen) Wohnungsmarkt gibt, dessen Renditeorientierung Wohnen für immer mehr Menschen immer teurer macht. Der lange Atem der im Wohnprojekt Engagierten hat sich gelohnt und ist bewundernswert.

Vor einem solchen Hintergrund gedeihen das Interesse und der Blick für das Ungewöhnliche und man ahnt, wie die Idee entstand, den kleinen Weg am Haus entlang nach jemandem zu benennen, der sich gegen den alltäglichen Wahnsinn und damit für das Ungewöhnliche entschieden hat.

André Shepherd sagte in seiner Dankesrede, dass auch er, wie damals Samuel Turley (nach dem die Kaserne benannt wurde) zunächst für Freiheit und selbstbestimmtes Leben gekämpft habe. Dann sei ihm klar geworden, dass sein Land nicht mehr für diese Ideale stehe. Seit 9/11 habe es in den USA eine deutliche Zäsur gegeben: Das Verteidigungsministerium werde dafür benutzt „auf der ganzen Erde Angriffskriege“ zu führen und die Finanzoligarchie nutze ihre Macht, um ganze Nationen zu zerstören.

Selbst aktiv werden

Weil die Politik in den USA nicht mehr für Rechtschaffenheit und Wahrheit stünden, dürfe man nicht mehr auf die gewählten PolitikerInnen hoffen und jeder müsse nun selbst aktiv werden. Man dürfe „nicht länger blind sein gegenüber den Verbrechen von denen, die an der Spitze stehen“ und von unserer Passivität profitieren würden. Man solle sich für seine Mitmenschen interessieren und Jesus´ Motto „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ beherzigen, um die dunklen Zeiten auf dem Weg zur Menschlichkeit zu überwinden.

André Shepherd bedauerte es, dass das Verwaltungsgericht, als es seinen Antrag ablehnte, nicht mit den „verbrecherischen Handlungen der machtvollsten Nation“ auseinandersetzen wollte. In diesem Zusammenhang kritisierte er es, dass die Verbündeten Washingtons es zuließen, dass „Millionen von Menschen vertrieben, verwundet oder getötet werden“ und das alles unter Berufung auf die Demokratie. Diese klaren Worte sollten uns ermutigen, von unseren PolitikerInnen zu fordern, dass sie sich von der imperialistischen Politik unseres engsten Verbündeten distanzieren.

Im Wohnprojekt lebt auch Ahmad, der mit seiner Familie aus Syrien geflohen ist. Vor die Alternative gestellt, für das Assad-Regime oder für den IS in den Krieg zu ziehen, entschied er sich weder für das eine noch für das andere. Stattdessen wählte er das Ungewöhnliche und den ungewissen Weg: die Flucht. Er entzog sich der Scheinalternative für die eine oder andere Seite zu kämpfen.  Stattdessen wählte er den Ausstieg aus diesem Schwarz-Weiß-Denken, das nur den militärischen Weg kennt und ihn auf diese Weise ständig fortsetzen wird.

Ohne Militär geht es besser - Coleman-Kaserne freigeben

Gemeinsam mit dem Friedensplenum haben sich die DFG-VK und viele andere Gruppen gegen die von Mannheim aus geführten Kriege engagiert, egal ob von der US-Armee oder von der Bundeswehr getragen. Die folgerichtige Forderung war daher, die Kasernen zu schließen und sie für zivile friedliche Zwecke zu nutzen. Die meisten Kasernen sind heute tatsächlich geräumt und etliche der von den BürgerInnen im Beteiligungsprozess eingebrachten Vorschläge sind oder werden umgesetzt. Leider hat die Aufgabe der Kasernen nichts mit Abrüstung zu tun. Denn sie beruht auf wirtschaftlicher und militärischer Optimierung durch Verlagerungen nach Wiesbaden, Kaiserslautern und andere Standorte der US-Armee. Besonders schmerzlich und politisch gefährlich ist, die von der US-Armee verweigerte Freigabe der Coleman-Kaserne im Mannheimer Norden, die im Zusammenhang mit der NATO-Ost-Erweiterung zur Wartung von Panzern und gepanzerten Fahrzeugen genutzt wird. Sie werden für die NATO-Manöver in Osteuropa genutzt und sollen schließlich dauerhaft in den osteuropäischen NATO-Länder stationiert werden.

Es war eine Handlung von hoher Symbolkraft als Ahmed und André das Wegschild gemeinsam an der Wand anbrachten. Zwei Menschen, die sich dem Krieg verweigert haben, und deren Regierungen für feindliche Konfrontation stehen, reichten sich versöhnlich die Hände und sprachen sich für einen friedlichen Weg aus. Es bleibt nun an uns, gemeinsam mit Ahmed und André und vielen anderen Menschen aus dem ungewöhnlichen Weg einen ungewöhnlich breiten Boulevard werden zu lassen.

So warb das Wohnprojekt umBau² Turley für die Veranstaltung

Wir freuen uns sehr, die öffentliche Namensgebung des kleinen Weges zwischen unserem gemeinschaftlichen Wohnprojekt und dem Nachbargebäude auf dem Gelände der ehemaligen Turley Kaserne in Mannheim ankündigen zu dürfen. 

Vielen Dank an André Shepherd , der uns dazu seine Zustimmung gegeben hat und auch selbst an diesem Abend anwesend sein wird.

André Shepherd ist ein ehemaliger GI einer Hubschrauberstaffel, die im Irakkrieg 2006 eingesetzt war. Unter dem Einfluss der Massaker an der Zivilbevölkerung seitens der US Armee bei Falludscha ist André Shepherd desertiert und hat als erster US amerikanischer Deserteur politisches Asyl in Deutschland beantragt.

Seitdem klagt er sich in Deutschland durch alle denkbaren gerichtlichen Instanzen.

Er wird unterstützt von dem Verein Connection e.V., der sich weltweit für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung und Desertion einsetzt.

 Wir von umBAU² Turley halten die Turley Kaserne in Mannheim für den passenden Ort, ihm als Deserteur eine dauerhafte Widmung und einen dauerhaften Platz auf einem ehemaligen Militärgelände zu geben.

Die Kaserne war fast 120 Jahre unter militärischer Nutzung, zuletzt unter US-Amerikanischer. Der Namensgeber Turley ist einer der ersten schwarzen Unteroffiziere, der bei der Befreiung gegen die Nazis gefallen ist.

Mehr als 70 Jahre später sucht ein Ex GI – ebenfalls afro-amerikanischen Ursprungs – Asyl in Deutschland.

In einer Zeit wieder zunehmender Nationalismen und  damit verbundener zunehmender militärischer Gewaltbereitschaft sehen wir es als ein inhaltliches Zeichen von „Konversion“ nicht nur der militärischen Nutzung, sondern auch dem militärischen Denken eine Absage zu erteilen.

 Viele FriedensaktivistInnen und Menschen aus Mannheim haben während der Irakkriege versucht, die Mannheimer US Kasernen zu blockieren. Dies, um auf die blutigen Kriege im Nahen Osten aufmerksam zu machen, zu einer Zeit, als der Krieg dort noch weit weg war.  Auch das ist ein Teil der jüngsten Mannheimer Geschichte. 

 Wenn man die Irakkriege als eine erste Destabilisierung des nahen Ostens sieht, dann besteht ebenfalls ein Zusammenhang zur Flüchtlingssituation und zu den beiden syrischen Familien in unserem Haus, deren Männer vor der Wahl Assad oder IS nicht desertiert, aber geflohen sind.

André Shepherd ist für seine Zivilcourage, die ihm dauerhaft die Rückkehr in seine Heimat verwehrt und eine zunächst ungewisse Zukunft bereitet hat, vielfach ausgezeichnet worden.

Er ist Träger des pro Asyl Menschenrechtspreises 2015 und des TAZ Panterpreises für Zivilcourage 2010.

Sein Handeln ermöglicht unser Handeln!


Mannheimer Morgen zur Kundgebung und Demo gegen den Irak-Krieg mit Abschluss vor der Turley-Kaserne

Dieser Artikel des Mannheimer Morgen über die Kundgebung und Demo zur Turley-Kaserne lässt sich besser lesen, wenn man auf die PDF-Version klickt und sie auf 280% vergrößert.

Berichte und Weiterführendes

• Fußweg auf Turley erinnert an Kriegsdienstverweigerer, Artikel und Fotos im Kommunal-Info Mannheim

• „Wir dürfen nicht länger blind sein gegenüber den Verbrechen“
Redebeitrag von André Shepherd auf der Seite von Connection e. V.

•Kriegsdienstverweigerung und Desertion in den USA
Ausführliche Darstellung von Rudi Friedrich auf Connection e. V., dem Verein, der Kriegsdienstverweigerer und Deserteure in zahlreichen Ländern unterstüzt.

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